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Valimaro – die Geschichte eines Elben aus dem Großen Grünwald

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Teil 9

Cunivieth pflückte erneut ein paar von den dunklen Kräutergewächsen, die nur im Schattenhain wachsen und deren Namen für die meisten Bewohner Mittelerdes gänzlich unbekannt sind und das ist auch gut so.
Die Elbin mischte diese, wie jeden ersten Tag im neuen Monat, zu einer düsteren Essenz zusammen, die sie für ihren kleinen Spiegelteich im Garten benötigte, damit sich dort der Schleier des Schicksals für ihre Fragen lichten konnte und sie so in die Zukunft vorausblicken ließ, fast genauso, wie es die Herrin des Goldenen Waldes weit im Süden mit ihren Fähigkeiten vermochte.

Doch diesmal, so hatte Cunivieth es schon die letzten Tage gesehen, würde ein junger Elb in ihr Leben treten und ihren weiteren Weg fortan entscheidend mitbestimmen.
Während sie etwas tiefer in Richtung der sie umgebenden Baumreihen ging, begann sie, ein Lied in so hellen und lieblichen Tönen zu singen, dass ein jeder, der es hören musste, dem Bann ihrer klangvollen Stimmen erlegen wäre.
Cunivieth wusste, was geschehen würde, als sie ihren Gesang kurz unterbrach und dann so weit in den Süden ging, dass ihr Haus aus ihrem Sichtfeld verschwand und sie plötzlich dicht umgeben von einigen Bäumen stand, hohe Sträucher berührten ihre weite Schürze und machten sie schmutzig, doch das war sie gewöhnt.

Dort im tieferen Waldstück angekommen, setzte sie erneut an und sang über das Suchen und Finden der Liebe im Nachtwald und die Strophen trug sie dabei so fröhlich vor, dass man annehmen musste, sie hätte ihr Glück bereits gefunden, doch dem war nicht so und es sollte für sie in diesem Leben auch nicht dafür reichen.

Cunivieth pflückte gerade einige der lilafarbenen Lichtblüten, die hier kreuz und quer wuchsen, um sie für ihre Tränke und Salben, die sie gerne herstellte, nutzen zu können.
Denn die Pollen der Lichtblüten aus dem Nachtwald waren für ihre lähmende Wirkung bekannt und Cunivieth wollte auf alles Mögliche vorbereitet sein, was vielleicht geschehen sollte.

Als sich die Elbin gerade nach ein paar weiteren Lichtblüten bückte und ihren rechten Arm ausstreckte, trat ein Elb in kastanienbrauner Kleidung aus den vorderen Baumreihen hervor.
Cunivieth richtete sich vorsichtig auf und unterbrach ihren Gesang, derweil sie den Elben vor sich argwöhnisch musterte.
Er hatte schwarzes, schulterlanges Haar, das mit braunen Blätterbroschen nach hinten zu drei gleich langen Zöpfen geflochten war und lässig nach hinten abfiel.
Seine klaren, smaragdgrünen Augen standen im scharfen Kontrast zu seiner weißen, sehr hellen Hautfarbe.
Seine feinen Gesichtszüge und die Körperhaltung verrieten Cunivieth, dass dieser Elb vor ihr noch sehr jung war, vielleicht gerade einmal 70 oder 80 Jahre.
Das er noch sehr unerfahren war, lag vor allem daran, dass er ihrem Gesang bereitwillig in den verbotenen Schattenhain gefolgt war.
Ihr Blick folgte zu seinen Händen.
In der Rechten hielt der Elb leicht gesenkt ein silber schimmerndes Kurzschwert, das nach Elbenart gefertigt war, während er in seiner anderen Hand nichts Auffälliges trug.

Dieser kurze Blick zum Schwert und dann zurück in das Gesicht ihres Gegenübers genügte der Kräuterkundigen, um sich sofort zu entscheiden.
In einer schnellen Bewegung entwaffnete sie den erstaunt blickenden Elben, der völlig überrumpelt wurde.
Sie drehte den Schwertgriff aus seiner Hand, drückte das Schwert quer auf die Innenseite und wirbelte dann flink herum.
Nach dieser schnellen Aktion hielt die Elbin ihm die scharfe Klinge an seinen Hals und zwar so dicht, dass seine makellose Haut etwas eingedrückt wurde, ohne ihn ernsthaft zu verletzen, vorerst.

Beide blickten sich so nah voreinander tief in die Augen und Cunivieth spürte, dass etwas Spitzes sie seitlich an ihrer rechten Hüfte berührte.
Es schmerzte etwas.
Kurz senkte sie den Blick darauf und sah, dass der Elb mit seiner linken Hand einen kleinen Dolch fest an die Hüfte Cunivieths presste,
der die Schürze bereits leicht durchbohrte hatte, sodass die Elbin das Ende der kalten Spitze an ihrer Haut fühlen konnte.

Beide wirkten fest entschlossen, in dieser Situation nicht zuerst nachgeben zu wollen, bis der Elb schließlich als Erster zur Kräuterkundigen sprach:

„Ich bin bereit, zu zustoßen, genau wie ihr, wie es scheint. Doch hätte ich vorher noch gerne erfahren, warum ihr hier im Schattenhain so ein fröhliches Lied singt.“ 
Cunivieths Augen verzogen sich bei diesen Worten und sie antwortete schnell:
„Ihr müsst sehr dumm sein, mein Herr, wenn dies das Letzte ist, was ihr vor eurem Tod erfahren wollt.“

Der Elb überlegte kurz, dann senkte er seinen linken Arm und ließ den Dolch zu Boden fallen.
Überrascht blickte Cunivieth dem Dolch kurz hinterher und wirkte für den Bruchteil eines Augenblicks leicht abgelenkt und unkonzentriert.
Diesen Moment nutzte der Elb aus, um seinen Kopf nach hinten zu schieben, um in der gleichen Bewegung seinen ganzen Oberkörper seitlich weg zu drehen, nur um sofort darauf, den rechten Arm Cunivieths mit seinem Schwert in ihrer Hand zu ergreifen.
Diesen Arm drehte der Elb zusammen mit Cunivieth kraftvoll herum und hielt nun ihr die Klinge seitlich schräg an ihren schönen Hals, während er hinter ihr stand und sie seinen Atem an ihrem Ohr spüren konnte.
Ihren linken Arm hielt der Elb mit seiner linken Hand fest umklammert.

Dann flüsterte er sanft über ihre Schulter: „Ich bin nicht euer Feind, wir sind ein Volk und ich werde euch keinen Schaden antun.“ 
„Warum seid ihr dann mit Waffen in mein Heim getreten? Es ist euch verboten, hier einen Fuß hineinzusetzen.“

Der Elb verzog bei ihren Worten den Mund und wurde ernster.
„Ihr habt Recht, verzeiht mein Eindringen. Euer Lied hat mir sehr gefallen, es war natürlich töricht von mir, eure Ruhe zu stören. Ich werde gehen.“
Er senkte seine Klinge und ließ den Arm Cunivieths los.
Dann löste er seine Umklammerung, trat ein paar Schritte zurück und machte sich daran, seinen Dolch aufzuheben.
Nach einem kurzen Blickkontakt zwischen den beiden Elben, die nun etwas mehr Abstand zwischen sich hatten, drehte sich der Elb in die Richtung, aus der er gekommen war und ging ein paar Schritte dorthin.

„Valimaro.“ Sprach die Elbin aus.
Der Elb blieb augenblicklich stehen.
„Valimaro, Wächter des Waldes.“ Drang es erneut an seine Ohren.
Der Elb drehte seinen Kopf zu Cunivieth.
Diese stand mit verschränkten Armen vor ihrem Körper in einer Entfernung und sprach schließlich weiter.
„Mein Name ist Cunivieth, die Sehende und dieser Wald ist mein zu Hause. 
Ihr seid verletzt und ich möchte euren Hals gerne versorgen, ich kenne mich mit Heilkräutern und Ölen sehr gut aus.“ 
Valimaro blickte verwundert zur Elbin.
Er berührte nach ihren Worten die Stelle am Hals, wo sie ihn mit seinem Schwert bedroht hatte, etwas Blut, aber nicht viel, klebte an seinen Fingerspitzen.
Dann sprach er:  „Was macht ihr hier im Schattenhain? Es ist den Elben dieses Waldes untersagt, hier zu wandeln. Warum singt ihr hier versteckt Lieder über den Nachtwald und habt mich zu euch gelockt?“

Beide Elben blickten sich für eine geraume Weile in die Augen, dann antwortete Cunivieth schließlich:
„Es ist Schicksal, warum wir uns heute hier begegneten, Valimaro. Ich war mir zuerst nicht sicher bei euch, weil ich euch zuvor anders gesehen hatte und zwar in voller Rüstung mit eurem Schild, nicht in dieser braunen Kluft, die ihr heute tragt.“ 
Die Elbin deutete auf das Aussehen ihres Gegenübers.
Valimaro war neugierig, woher kannte die Elbin nur seinen Namen?
Warum wusste sie von seiner Aufgabe als Wächter in der Grünwaldgarde?

Cunivieth erkannte diese und weitere Fragen des Wächters und sprach zu ihm:
„Kommt mit mir, ich werde euren Hals etwas mit frischer Wundsalbe versorgen und ihr dürft mir eure Fragen gerne stellen, wenn ihr es wünscht. Aber lasst eure Waffen hier an den Bäumen liegen, ihr werdet sie heute nicht brauchen.“

Zögerlich blickte Valimaro in Richtung der Bäume, dann wieder zurück zu Cunivieth.
Der Elb war verwundert, was wusste diese Elbin über ihn? Was machte sie hier?
„Warum sollte ich euch vertrauen, Cunivieth, noch vor wenigen Augenblicken habt ihr mir nach dem Leben getrachtet.“

Daraufhin lächelte die Elbin ihn an und gab schnell als Antwort zurück:
„Noch vor wenigen Augenblicken wolltet ihr wissen, warum ich hier im Schattenhain ein fröhliches Lied gesungen habe. Ist eure Neugierde seitdem etwa schon erloschen?“

Einen bewusst gesetzten Hauch von Enttäuschung fügte Cunivieth ihren Worten dabei hinzu.
„Ihr redet jedenfalls nicht wie eine gewöhnliche Waldelbin und euer Aussehen lässt auch nicht auf eine Elbin meines Volkes schließen.“ 
Valimaro deutete mit einer Handgeste auf die Erscheinung der Elbin.
Cunivieth, deren kupferfarbenes Haar lang über ihre Schultern abfiel begann bei diesen Worten zu lächeln.
Sie trug eine lange weiß-blaue Robe, die eher wie eine Schürze aussah und mit vielen Tragetaschen übersäht war. Ihre tiefliegenden grauen Augen musterten Valimaro aufmerksam, in der Hoffnung, er würde weitersprechen, was er auch tat.
„Ich weiß nicht, wer ihr seid, und was ihr hier macht. Aber als Wächter des Waldes möchte ich darauf Antworten finden. Ich verspreche euch kein Leid anzutun, wenn ihr dies erwidert.“

Die elfenbeinfarbigen Gesichtszüge Cunivieths spannten sich an und ihre Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, dann sprach sie in fließendem Quenya, eine der Elbensprachen, die Valimaro, wie die meisten Sinda aus dem Grünwald, die noch keinen Fuß über die Grenzen Rhovanions hinausgesetzt hatten, nicht erkannte: „Heute mögt ihr mir dieses Versprechen geben, Valimaro, aber ich weiß, dass ich euch von diesem Versprechen einst entbinden muss, um großes Unheil für euch und euer Volk abzuwenden.“ 

Die Worte, die nicht in Sindarin gesprochen wurden, verflüchtigten sich schnell und Cunivieth sprach so leise, dass Valimaro den Eindruck hatte, sie würde die Worte in Sindarin verschlucken und er könnte sie nicht richtig hören. „Verzeiht Cunivieth, aber ich verstehe euch nicht richtig. Was habt ihr ebend gesagt?“

Cunivieth wechselte zurück in Sindarin und sprach zu ihm: „Ihr habt mein Wort, dass ich die ersten drei eurer vielen Fragen beantworten werden, danach werde ich schweigen und ihr dürft den Schattenhain verlassen.“ 
Valimaro war verwundert.
„Bin ich euer Gefangener an diesem Ort?“
Cunivieth lächelte nun wieder.
„Nein, seid ihr nicht. Aber dies war bereits eure erste Frage.
Wenn ihr weiter so kluge Fragen stellt, solltet ihr wohl gleich wieder zurückkehren, und nicht mit mir kommen. Aber ich hege große Hoffnung auf euch, Wächter.“
Die Elbin zwinkerte Valimaro kurz zu, wischte sich dann etwas Pollenstaub von ihrer Schürze und machte sich daran, in die Richtung ihres kleinen Hauses aufzubrechen.

Als Cunivieth ein paar Meter weiter gegangen war hielt sie gespannt inne und wartete die Reaktion des Elben ab.

Valimaro überlegte, was nun klug wäre.
Von seiner Beobachtung berichten? Eine Begegnung, die es hätte nie geben dürfen?
Schnell verflog dieser Gedanke wieder und der Wächter legte seine Waffen nieder.
Dann, mit ein paar schnellen Schritten schloss er zur Elbin auf.
Cunivieth freute sich innerlich, blieb zum äußeren Schein aber eiskalt und schritt ohne Worte weiter, dicht gefolgt von Valimaro, der unzählige Fragen im Kopf hatte und überlegen musste, welche er der Elbin nun stellen wollte.

V.T. für A.W.
Kategorie: Persönlichkeiten & Unternehmen

von

Ich bin Valimaro Taurthir, ein Sindar aus dem großen Grünwald, wo meine Mutter Maneth lebt und mich aufzog. Seit mehreren Jahrhunderten bereise ich nun schon die zahlreichen Regionen Mittelerdes, um im Auftrag des Waldlandreiches die Geheimnisse der Bewohner außerhalb Rhovanions sowie deren Geschichten zu erforschen. Auf einer meiner ersten Besuche in Bruchtal brachten die Elben mir dort das Lesen und Schreiben bei und ich begann, meine Abenteuer, die ich alleine oder mit meinen einstigen Weggefährten in all den Jahren erlebte niederzuschreiben. Zum Auenländer Wochenblatt kam ich durch Idda Goldkerze, eine bemerkenswerte Schriftgelehrte, die ich in Bruchtal kennenlernte und die mir eine ganz andere Seite Mittelerdes zeigte, nämlich die liebe Gesellschaft der Hobbits vom Efeubusch. Seitdem kümmere ich mich gerne als Gastredakteur vom Auenländer Wochenblatt vor allem um Neuigkeiten und Kurzgeschichten meines Volkes in den verschiedenen Regionen Mittelerdes und berichte von meinen Erlebnissen vergangener Abenteuer.

1 Kommentare

  1. Beuno Willowtree sagt

    Wie immer wunderbar ge- und beschrieben, lieber Vali! :) Da fällt mir ein, dass ich die beiden neusten Kapitel ( die Redaktion erhält die Kapitel ja schon etwas im Voraus ) noch garnicht gelesen habe. :( Muss ich bald mal nachholen!

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