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Valimaro – die Geschichte eines Elben aus dem Großen Grünwald

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Teil 8

„Schneller Baradan…, du bewegst dich ja langsamer als die Schnecken an den Bäumen.“, rief Valimaro seinem Freund lachend hinterher, der sich wenige Meter hinter ihm durch die Sträucher und Gräser zwängte, die hier sehr dicht standen und die Orientierung deutlich beeinträchtigten. Sie waren bereits eine geraume Zeit lang, weit abseits aller bekannten Wege, durch die verborgenen Regionen ihrer Heimat gestreift und wollten die nordwestliche Grenze des Waldlandreiches erkunden, so, wie sie es bereits dutzende Male an anderen Stellen des Waldes getan hatten.

Beide Elben trugen leichte, kastanienbraune Kleidung anstelle ihrer eigentlich beschwerlichen Wächterausrüstung, da diese bei solchen Unternehmungen nur stören und sie zwischen den Bäumen aufgehalten hätte. Weil der Waldboden in Verbindung mit den Baumstämmen einen ähnlich bräunlichen Farbton besaß, erleichterte die Kleidung der Elben ihre Erfolgsaussichten in den Jagdgebieten immens.

 

Während sich Valimaro vorsichtig und fast geräuschlos durch das Unterholz bewegte, um seine Anwesenheit für einen Wolf, ein Wildschwein oder gar Schlimmeres in diesem Waldstück zu verbergen und einer solchen plötzlichen Begegnung vorzubeugen, tat Baradan nicht einmal so, als ob er sich Mühe geben würde, sich diesem lautlosen Betragen anzuschließen.

Stattdessen stapfte der Wächter ohne Bedacht durch das Wurzelwerk und das in einer derartigen Lautstärke, das Valimaro ihm spürbar genervt zurief: „Dich hören sogar die Zwerge in ihren Höhlen im Grauen Gebirge, so viel Lärm machst du hinter mir.“ 

 

Baradan, der jüngere der beiden Wächter, verzog sichtlich das Gesicht, als er bemerkte, dass sie bereits soweit vorgedrungen waren, dass er, abgesehen von sich, keinerlei Geräusche, nicht einmal das Rauschen der Bäume hören konnte.

Nachdenklich blieb er stehen und sprach zu seinem Freund: „Vali, wir sind zu weit nach Nordwesten vorgedrungen, es ist uns untersagt, die nördlichen Gebiete jenseits der letzten Kalkbuchen zu betreten.“ 

Mit seinem Elbenschwert, das er bei sich trug, deutete Baradan auf die Bäume um sie herum – es waren nur noch wenige Rotbuchen zu erkennen, dafür waren deutlich die vielen hohen Eichen zu erkennen, die überall aufgereiht standen.

Der Schattenhain, dachte Valimaro bei sich, jener für die Waldelben verbotene Teil der nördlichen Grenze im Wald, welcher unter besonderen Schutz des Königs stand und nur er und seine Familie hatten das Recht, diese Region zu betreten, was sehr selten geschah, warum, das wusste niemand.

Valimaro versuchte, sich zu orientieren, denn die Bäume standen hier sehr dicht und gaben kaum den Blick durch das dichte Blätterdach nach oben frei. Ein Wald, der den Zusatznamen „Nacht“ wahrlich verdient hatte, dachte er sich.

 

„Wir sollten umkehren, es ist verboten, weiter durch diesen Bereich des Waldes zu gehen.“ Baradan wirkte etwas nervös als er dies aussprach, das konnte Valimaro an seinen brüchigen Worten erkennen. „Du hast Recht, mein Schildbruder, lass uns umkehren und zurück zu den anderen gehen.“

Baradan nickte zufrieden und beide Elben machten sich daran, in Richtung Waldlandreich umzudrehen. Doch unbewusst blieb Valimaro plötzlich stehen und lauschte dem Wind, den nur er hören konnte, denn Baradan war bereits ein paar Meter weiter aus dem dichten Unterholz herausgetreten und machte keine Anstalten, zu warten oder sich erneut nach hinten zu Valimaro umzusehen.

„Warte kurz.“, sprach Valimaro etwas lauter zu ihm. Baradan blieb stehen. „Hörst du das auch?“ Valimaro versuchte, sich anzustrengen und spitzte die Ohren. „Hier weht weder der Wind noch vernehmen meine Elbenohren sonstige Laute von Tieren. Der Schattenhain ist doch dafür bekannt, dass hier nichts ist, außer den vielen Pflanzen unterschiedlichster Art.“, gab Baradan ihm kalt als Antwort zurück.

 

Valimaro wusste, das Baradan im Recht war, denn oft hatten sie Garadal davon sprechen hören, dass der Schattenhain zu jenen Teilen des Grünwaldes zählte, die am ältesten waren und die es besonders zu schützen galt. Einmal sprach Garadal davon, dass selbst die Tiere diesen Bereich des Waldes mieden, sei es aus Ehrfurcht oder Angst, das wusste der Fürst der Grünwaldgarde nicht zu sagen. So berichteten einige Waldelben, die bisher in die Nähe des Schattenhains gekommen waren, von seltsamen Geräuschen tief im Inneren desselben.

Doch niemand hatte bisher den Befehl Thranduils missachtet, den Schattenhain nicht bewusst betreten zu dürfen. Valimaro löste sich aus der Anspannung und tat die Geräusche, die der Wind ihm zuflüstern wollte, als Täuschung seiner Sinne ab. Der Wächter runzelte die Stirn und ging ein paar Schritte auf Baradan zu. Dieser schüttelte leicht den Kopf, machte dann kehrt und zwängte sich lautstark durch die Sträucher und Gräser vor ihm.

Eine Stimme. Jemand sang ein Lied. Valimaro blieb erneut stehen und blickte nach hinten. Er war sich ganz sicher. Der Wächter schloss die Augen und lauschte den Worten in Sindarin, die der Wind erneut zu ihm trug und die ihn in seinen Bann zogen. Der Elb ignorierte Baradan, der schon sehr weit abseits von ihm ging und eigentlich gerade mit ihm sprach. Doch Valimaro war fasziniert von der klaren Stimme, die er einer Elbin zuschrieb, die mit zarten Tönen über das Suchen und Finden der Liebe im Nachtwald sang.

Schließlich rissen Baradans laute Worte den Elben aus seinen Gedanken. „Ist dir etwas passiert Vali? Wo bleibst du denn?“ Valimaro entgegnete, ohne sich einen einfallsreichen Plan ausgedacht zu haben: „Es ist alles gut Baradan, geh nur voraus, ich möchte ein wenig hier im Wald alleine meditieren. Ich finde den Weg später alleine zurück.“ Für einen Moment herrschte Stille. „Ist das dein Ernst?“ Baradans Frage klang jetzt sehr wütend und entrüstet. Dann redete er weiter. „Wir gehen diese Grenzpatrouillen immer gemeinsam. Das wir soweit nach Norden gegangen sind, war allein deine Idee und jetzt sagst du mir nach etlichen Stunden, ich soll alleine zurückkehren, weil du hier beim Schattenhain meditieren möchtest?“ Valimaro lächelte etwas und wusste, dass er seinen Freund bei seinem Stolz packen musste, um die Situation zu entschärfen.

 

Nach einer kurzen Überlegung antwortete er Baradan: „Hast du etwa Angst, alleine im Wald zu sein oder hast du gar den Weg zurück nach Hause vergessen? Dann hätte ich wohl ein Seil zwischen unseren Händen binden sollen, damit wir nicht getrennt sind und immer zusammenbleiben. So wie die ersten Male bei unserer Ausbildung.“ Diese Worte waren nicht aus Hohn gesprochen, denn beide Elben kannten sich sehr lange und gut, sodass ein jeder von ihnen um die täglichen Spielchen wusste, mit denen sie sich gelegentlich zu necken versuchten.
Baradan erkannte dies sofort und ein lautes Lachen war aus seiner Richtung zu hören. „Vielleicht sollte ich lieber Brotkrumen ausstreuen, damit du nachher den Weg nach Hause findest, mein Schildbruder.“ Antwortete Baradan schließlich. „Das wäre nicht sehr weise, nachher ist es doch düster im Wald und dann kann ich deine Hinweise nicht mehr so gut erkennen.“ Bei seinen letzten Worten schmunzelte Valimaro leicht. „Dann musst du dir beim nächsten Waschgang mal ordentlich die Augen ausspülen, Vali. Obwohl, das war ja erst gestern Morgen, ….“ Baradan tat so, als wenn er zählen würde. Schließlich sprach er weiter. „Das heißt dann, du wirst dich ja erst nächsten Monat erneut waschen, solange kann ich dich nicht alleine im Wald lassen. Ich werde dir den Weg in die Rinde der Bäume einritzen.“

Es folgte eine kurze Pause. Dann sprach Baradan erneut. „Also gut Vali, wenn du hier, warum auch immer, meditieren möchtest, weil du den Wind angeblich hören kannst, obwohl da nichts ist, dann lasse ich dich eben allein zurück. Aber du stellst das nachher vor Garadal klar, falls es deswegen Ärger geben sollte.“ Valimaro wollte darauf antworten, als Baradan dann doch weitersprach. „Ich werde ihm einfach sagen, du warst zu müde und machst ein Nickerchen in den Bäumen, weil du letztlich eingesehen hast, dass ich der bessere Wächter von uns beiden bin.“ 
Da musste Valimaro nun doch laut auflachen und Baradan stimmte in das Gelächter mit ein.

„Was würde Garadal nur dazu sagen, wenn er uns zwei so hören könnte?“ sprach Valimaro schließlich. Baradan verstellte seine Stimme merklich und ahmte ihren alten Ausbilder und jetzigen Dienstherren nach, ohne ihn dabei bloßstellen oder verspotten zu wollen, wie es vielleicht Menschen getan hätten. „Nein, nein, nein. Ein solches Betragen hätte ich von euch beiden nicht erwartet, ich war zwar früher genauso wie ihr, würde dies aber nie vor euch zugeben, aber so wie ihr euch hier verhaltet, das ist einem Wächter der Grünwaldgarde nicht würdig. Ich hätte mehr von euch erwartet. Einfach enttäuschend.“

Valimaro lachte bei diesen Worten und stimmte dann in das Nachmachen der Stimme von Garadal mit ein: „Ihr dürft morgen ganz alleine zu zweit die Grenzen des Waldlandreiches auskundschaften und erstattet mir dann sofort Bericht.“ Beide Elben lachten laut. Unwillkürlich griffen beide Elben nach diesen Worten an ihre Schildbroschen, die sie stets bei sich trugen. Unabhängig von einander waren sie froh und stolz darauf, sich gegenseitig als Schildbrüder bezeichnen zu können.

 

Dann knackten die Äste um Baradan herum und Valimaro wusste, dass sein Freund weiterging. Zum Abschied sprachen die zwei ein paar Worte in Sindarin, die nur die Wächter der Grünwaldgarde einander zum Gruß aussprechen. Und schließlich war Valimaro allein. Der Moment mit Baradan hatte ihn völlig davon abgelenkt, warum er eigentlich hier beim Schattenhain bleiben wollte.

Er schloss die Augen und versuchte, sich erneut zu konzentrieren. Aber nichts war zu hören. Nach ein paar Minuten Stillstand rührte sich der Wächter schließlich und überlegte sich doch, nun schnell zu seinem Freund aufzuschließen, denn offensichtlich war die Stimme von vorhin tatsächlich bloße Einbildung gewesen. Als er dann ein paar Schritte in Richtung der Stelle trat, wo Baradan vor wenigen Augenblicken noch zu hören gewesen war, drangen die Töne eines Liedes wieder an seine Ohren. Valimaro erstarrte in seiner Bewegung und war sich sicher, die ungefähre Richtung dieser Stimme verorten zu können.

V.T. für A.W.
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Ich bin Valimaro Taurthir, ein Sindar aus dem großen Grünwald, wo meine Mutter Maneth lebt und mich aufzog. Seit mehreren Jahrhunderten bereise ich nun schon die zahlreichen Regionen Mittelerdes, um im Auftrag des Waldlandreiches die Geheimnisse der Bewohner außerhalb Rhovanions sowie deren Geschichten zu erforschen. Auf einer meiner ersten Besuche in Bruchtal brachten die Elben mir dort das Lesen und Schreiben bei und ich begann, meine Abenteuer, die ich alleine oder mit meinen einstigen Weggefährten in all den Jahren erlebte niederzuschreiben. Zum Auenländer Wochenblatt kam ich durch Idda Goldkerze, eine bemerkenswerte Schriftgelehrte, die ich in Bruchtal kennenlernte und die mir eine ganz andere Seite Mittelerdes zeigte, nämlich die liebe Gesellschaft der Hobbits vom Efeubusch. Seitdem kümmere ich mich gerne als Gastredakteur vom Auenländer Wochenblatt vor allem um Neuigkeiten und Kurzgeschichten meines Volkes in den verschiedenen Regionen Mittelerdes und berichte von meinen Erlebnissen vergangener Abenteuer.

2 Kommentare

  1. Beuno Willowtree sagt

    Toll und athmosphärisch geschrieben, lieber Vali! Ich hatte das Gefühl, selber mit durch diesen Schattenwald zu wandern! ;) Nur weiter so! :)

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