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Valimaro – die Geschichte eines Elben aus dem Großen Grünwald

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Teil 3

Baradan trat aus dem Schatten des Torhauses, dem Valimaro beim Überschreiten der Waldlandgrenze keinerlei Beachtung geschenkt hatte – offensichtlich ein Fehler, wie er nun gleich einsehen musste.

Als sich ihre Blicke trafen, war es für Valimaro beinahe so, als wäre er plötzlich in die vergangenen Tage zurückkatapultiert, als sie zusammen von Garadal zu Wächtern ausgebildet wurden und das erste Mal durch die umliegenden Teile des Waldes gemeinsam auf die Jagd gingen.

Für einen kurzen Moment dachte Valimaro zurück an die Bewährungsprobe, die sie einst zusammen durchgestanden hatten, Seite an Seite, um in die Grünwald-Garde aufgenommen zu werden. In der Zeit zwischen zwei tiefen Atemzügen erinnerte sich der Elb an die schönen Zeiten seiner Jugend und an die Erlebnisse, die Baradan und ihn miteinander verbanden.

Doch dann sprach der Wächter des Waldtores weiter und zerstörte diese glücklichen Gedanken Valimaros, der aus seinen Erinnerungen gerissen wurde und sich plötzlich wieder im hier und jetzt befand.  „Ich hätte nicht gedacht, dass du es noch einmal wagen würdest, einen Fuß in meine Heimat zu setzen. Und noch dazu, dass du dein eigenes Volk nach all den Jahren nun mit Gewalt bedrohst, wo du es doch schon verraten hast.“ 

Baradan stellte sich neben den Torwächter vor Valimaro und bedeutete den Wächtern, dass sie sich entfernen sollten. Diese nickten kurz und machten sich dann daran, zurück zur Mauer zu gehen, nicht ohne die Waffen Valimaros mitzunehmen. Die vier Waldelben, die Valimaro bisher begleitet hatten, schulterten auf ein weiteres Zeichen Baradans hin ihre Bögen und zerstreuten sich, bis sie aus dem Sichtfeld Valimaros verschwunden waren. Dieser musterte Baradan aufmerksam und sprach dann: „Deine Wachen sollten mich auf Geheiß von Garadal sicher zu meiner Mutter geleiten, warum schickst du sie nun fort?“

Keine Begrüßung, keine Fragen, was in all den Jahren dem jeweils anderen widerfahren war, keine Freude, keine Freundschaft mehr, die die beiden miteinander verband. Es standen sich hier zwei fremde Elben einander gegenüber, die einst aus Freundschaft zueinander gehalten hatten. Davon war nun nichts mehr übrig geblieben, das fühlten beide, auch wenn sie es nicht offen aussprachen.

Baradan hielt dem Blick seines Gegenübers lange stand und antwortete schließlich:
„Garadal mag der Fürst der Garde sein, aber die Späher vor dem Waldtor unterstehen meinem Befehl und ich wusste nichts davon, dass dich meine Wachen geleiten sollten.“ 

Bei diesen letzten Worten funkelte ihn Valimaro mit seinen dunkelgrünen Augen wütend an, denn er log offenkundig. Baradan wusste sehr genau, wie viel der Fürst der Garde, dem auch er unterstand, für Valimaro empfand und stets war der Wächter des Tores darüber informiert, wen seine Späher in das Waldlandreich eskortierten. Auch wenn er nicht persönlich auf der Lichtung gewesen war, seine Boten hatten Baradan mit Sicherheit sofort über die Ankunft Valimaros informiert.

Der Wächter des Tores verschränkte die Arme und lächelte beim Anblick Valimaros. „Was willst du jetzt machen Valimaro? Möchtest du dich bei Garadal darüber beschweren, dass meine Späher nichts Wichtigeres zu tun hätten, als einen Verbannten zu seiner Mutter zu eskortieren? Du stehst bereits in der Waldfestung, hier brauchst du keinen Schutz mehr. Maneths Heim ist das letzte Haus, wenn du bei der ersten Weggabelung den linken Abzweig nimmst.“

Valimaro nickte zum Dank, dann drehte er sich zu Valkas und sprach: „Ich habe nicht um diesen Geleitschutz verlangt, Baradan, aber mein Hengst muss versorgt werden, es war eine lange und beschwerliche Reise für Valkas und mich, wie du dir sicherlich vorstellen kannst.“

„Nein, das kann ich beim besten Willen nicht, schließlich habe ich mein Volk nicht verraten und wurde nicht verbannt, deshalb weiß ich auch nicht, wo du all die Jahre dein bescheidenes Dasein gefristet hast.”

Ein innerlicher Schmerz durchzog Valimaros Herz bei diesen Worten, denn auch, wenn sie keine Freunde mehr waren, so verletzten diese Worte Valimaros Seele schwer und kränkten ihn sehr. Nie hatte er sein Volk oder seine Heimat verraten und mit seiner Aussage machte Baradan deutlich, was wohl alle Elben hier über ihn dachten. Lohnte es sich überhaupt, dafür zurück zu kommen? Nachdenklich senkte Valimaro den Blick. Doch dann trieb ihn der Gedanke nach seiner Mutter weiter an und er nahm entschlossen die Zügel des Pferdes in die linke Hand. Er fuhr Valkas mit seiner freien Hand langsam über die schwarze Mähne und streichelte ihn sanft.

Dann, ohne ein weiteres Wort auszusprechen, führte Valimaro seinen Hengst den Weg hinauf, vorbei an zwei weiteren Torwächtern und in Richtung der hohen Baumhäuser der Waldelben.

Nach wenigen Schritten drehte er sich nochmals zu Baradan herum, der immer noch mit verschränkten Armen an Ort und Stelle stand und Valimaro nachsah, und sprach mit fester und kräftiger Stimme zu ihm, so laut, dass alle umstehenden Elben es mitanhören konnten: „Niemals hätte ich gedacht, dass du, mein Schildbruder, mich bei meiner Rückkehr so tief enttäuschen und verletzen wirst und mit deinen grausamen Worten das freundschaftliche Band, das uns als Wächter miteinander verband, zerstörst.“ 

Nachdem er dies ausgesprochen hatte, holte Valimaro aus einer der Satteltaschen eine kleine Brosche hervor, die allen Wächtern des Grünwaldes gegeben wurde, wenn sie sich zu zweit im Kampf bei der Bewährung als Schildbrüder erwiesen hatten. Für die Wächter des Grünwaldes gab es nichts Tieferes, als das Band zwischen zwei Schildbrüdern, die das erste Mal im Kampf Seite an Seite zusammengestanden hatten.

Niemals mehr ließen sich diese zwei Wächter im Stich oder vergaßen ihre Freundschaft über die Jahre. Zum Zeichen ihrer Verbundenheit wurden extra zwei silberne Schildbroschen geschmiedet, die identisch waren, als Wertschätzung der Wächter des Grünwaldes galten und die beide Schildbrüder als Symbol ihrer Freundschaft behielten.

Diese Schildbrosche, die schon viele Jahrhunderte alt war, hielt Valimaro nun in seiner Hand, überlegte für einen Atemzug, ob es das Richtige war, was er tun wollte, entschied sich dann zu diesem Schritt, und warf Baradan die Schildbrosche zu Füßen, sodass es jeder der anwesenden Elben sehen konnte. Ungläubig und fassungslos starrte Baradan auf die Schildbrosche vor ihm herab und wusste nur zu gut, was Valimaro damit öffentlich zum Ausdruck brachte. Dieser war den Weg schon ein paar Meter weiter mit Valkas entlang geschritten, ohne sich noch einmal Baradan und den überrascht um sich blickenden Torwächtern zu zuwenden, denn sonst hätte er wohl die stillen Tränen bemerkt, die dem Wächter des Waldtores langsam über seine Wangen liefen.

Lange sah Baradan seinem Freund Valimaro hinterher und versuchte seine Gefühle zu unterdrücken. Erst jetzt dachte er zurück an die gemeinsame Ausbildung zum Wächter, daran, wie sie zusammen die äußersten Grenzen des Waldlandreiches bei ihren vielen Streifzügen auskundschafteten und daran, wie sie in vielen schweren Stunden Seite an Seite, nur geschützt durch den Schild des jeweils anderen, die Feinde ihres Volkes bekämpften und abends bei Wein über ihre Erfolge scherzten.

Als Valimaro am Ende des Weges zwischen den Baumhäusern verschwand, kniete sich Baradan auf den Boden, nahm die Schildbrosche vorsichtig in die Hand und entfernte den wenigen Dreck, der vom feuchten Waldboden auf der Rückseite klebte. Er drehte die Brosche langsam in seiner Handfläche und fuhr mit dem Daumen die Konturen des Schildes entlang, das eingraviert war.

 

Dann, so leise, dass es niemand der umherstehenden Elben vernahm, flüsterte Baradan in Sindarin wenige Worte, die sich im Wind verflüchtigten und an kein Ohr drangen.

Wird fortgesetzt…

V.T. für A.W.
Kategorie: Persönlichkeiten & Unternehmen

von

Ich bin Valimaro Taurthir, ein Sindar aus dem großen Grünwald, wo meine Mutter Maneth lebt und mich aufzog. Seit mehreren Jahrhunderten bereise ich nun schon die zahlreichen Regionen Mittelerdes, um im Auftrag des Waldlandreiches die Geheimnisse der Bewohner außerhalb Rhovanions sowie deren Geschichten zu erforschen. Auf einer meiner ersten Besuche in Bruchtal brachten die Elben mir dort das Lesen und Schreiben bei und ich begann, meine Abenteuer, die ich alleine oder mit meinen einstigen Weggefährten in all den Jahren erlebte niederzuschreiben. Zum Auenländer Wochenblatt kam ich durch Idda Goldkerze, eine bemerkenswerte Schriftgelehrte, die ich in Bruchtal kennenlernte und die mir eine ganz andere Seite Mittelerdes zeigte, nämlich die liebe Gesellschaft der Hobbits vom Efeubusch. Seitdem kümmere ich mich gerne als Gastredakteur vom Auenländer Wochenblatt vor allem um Neuigkeiten und Kurzgeschichten meines Volkes in den verschiedenen Regionen Mittelerdes und berichte von meinen Erlebnissen vergangener Abenteuer.

5 Kommentare

  1. Beuno Willowtree sagt

    Grossartig geschrieben, Valimaro! Das hat ja schon fast das Format für einen richtigen Roman! Mir gefällt diese spannende Geschichte jedenfalls ganz wunderbar! :D

    • Valimaro Taurthir sagt

      Danke für dein Lob, lieber Beuno!
      Vielleicht lasse ich meine Memoiren von Muriell in Bruchtal veröffentlichen *lächelt*

  2. Bibernella sagt

    Hm… anscheinend hab ich die ersten Teile irgendwie überlesen (oder Fische darin eingewickelt). Kann man die irgendwo noch nachlesen oder gibts das Ganze tatsächlich irgendwo als Buch zum ins Regal stellen und immer wieder lesen?

    • Beuno Willowtree sagt

      (( Huhu, Bibi! Wenn Du den Namen ‘Valimaro’ oben in die Suche, auf der ersten Seite des AW eingibst, sollten eigentlich alle Teile der Geschichte gefunden werden. ;) ))

    • /OOC

      Korrekt! Wie Beuno schon schreibt, kannst Du alle Artikel die jemals im ‘AW’ erschienen sind immer mit der Suche-Funktion oder alternativ per Suche in den jeweiligen Rubriken oder Monaten (oder sogar Wochen) finden. Die letzteren Varianten sind allerdings eher mühselig, da in unserer Zeitung ja generell durchschnittlich rund 15-20 Artikel pro Woche erscheinen, wodurch sich da eine ganze Menge an Artikeln ansammeln.

      Daher stets die Empfehlung, einfach die Funktion der Suche zu bemühen. Hier ein möglichst prägnantes Wort eingeben, von dem du vermutest, dass er auch in den anderen Artikeln vorkommen wird (wie z.B. Valimaro, da es sich in der Geschichte um ihn dreht). Allerdings nicht, wie oftmals schon passiert, ganze Sätze nach Google-Art “Gibt es noch mehr Teile von Valimaros Geschichte?” eingeben.

      Über den folgenden Link gelangst du zur Übersicht der bisher zu diesem Thema erschienenen Artikel:

      http://www.auenlaender-wochenblatt.de/?s=Valimaro+–+die+Geschichte+eines+Elben+aus+dem+Großen+Grünwald&submit=Suche

      Viel Spaß!
      M.H.

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