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Valimaro – die Geschichte eines Elben aus dem Großen Grünwald

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Teil 2

Valimaro ließ sich von den Worten Garadals nicht aus der Fassung bringen, wie der Fürst der Elbengarde vielleicht anfangs durch seine Warnung vermutet hätte. Stattdessen deutete Valimaro auf eine der Satteltaschen am Sattel von Valkas und sprach dann zu seinem Ziehvater: „Meine Wacht ist zu Ende, ich bin hier her gekommen, um mein Heimatrecht zurückzufordern, Vater.“ Das letzte Wort sprach Valimaro nur zögerlich und erst nach einer kurzen, aber bewusst gesetzten Pause, aus.

Der Ausdruck auf Garadals Gesicht wurde ernster und für einen Moment lag die Spannung, die zuvor gelöst schien, plötzlich wieder spürbar in der Luft. Doch dann trat der Fürst der Elbengarde ohne weitere Bemerkungen an Valkas heran und öffnete die rechte Satteltasche am Hengst. Beim Anblick des Inhalts musste Garadal leicht schmunzeln. Zufrieden und mit einem freundlichen Lächeln klatschte der Elb in die Hände und murmelte ein paar Worte in Sindarin, die nicht für jeden auf der Lichtung zu hören waren. Valimaros Miene erhellte sich bei diesen Worten und er reichte Garadal erneut die Hand, dieser nahm die freundschaftliche Geste auf und umschloss nun mit seiner Hand die von Valimaro. Zusammen ballten die beiden Elben ihre Hände zu Fäusten, während sie sich dabei tief in die Augen schauten, wissend, dass nun die Zeit der Heimkehr Valimaros angebrochen war.

Als sie ihre Hände voneinander lösten wandte sich Garadal an die übrigen Waldelben, die immer noch völlig ahnungslos etwas abseits am Rand der Lichtung standen und der Szenerie scheinbar geräuschlos gefolgt waren.

„Ich befehle euch, König Thranduil und Prinz Legolas darüber zu informieren, dass Valimaro, Wächter vom großen Grünwald, zurückgekehrt ist und um eine Audienz bei Hofe ersucht, um sein Recht auf Heimkehr einzufordern. Weiterhin untersteht Valimaro fortan dem Schutz der Garde des Waldlandreiches und ist sicher zu seiner Mutter, der Elbin Maneth, zu geleiten.“  Nach diesen Worten nickte Garadal seinem Gegenüber freundlich zu und machte sich daran zu gehen, nicht ohne ein paar letzte Worte an Valimaro zu richten: „Besuche zu allererst deine Mutter, sie gehört seit jenen Tagen zu den Ausgestoßenen unseres Reiches und lebt am Rande der Waldfestung, sehr einsam und abgelegen. Sie wird sich sehr freuen, ihren einzigen Sohn jetzt wiederzusehen. Wir reden später miteinander über deine weiteren Schritte.“ Mit einer fuchtelnden Handbewegung gebot der Fürst der Garde seinem einstigen Ziehsohn nichts weiter auf diese Worte zu erwidern, machte auf der Stelle kehrt und ging mit den meisten übrigen Waldelben zurück in den Wald.

Valimaro, der bei diesen Worten vieles hätte fragen können, verstummte, denn innerlich durchzog ihn ein stechender Schmerz beim Ausspruch Garadals. Lediglich die vier Bogenschützen, die Valimaro zuvor verlacht hatten, blieben mit ihm zurück auf der kleinen Lichtung und mussten kräftig schlucken, als ihnen plötzlich klar wurde, dass nun sie den Rückkehrer zu seiner Mutter führen mussten.

 

Wer das Waldlandreich der Elben nie mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich nicht im Geringsten vorstellen, was die Waldelben dort versteckt im großen Grünwald, weit jenseits der nördlichen Ausläufer des Nebelgebirges, geschaffen haben. Sie siedelten hier schon seit mehreren Zeitaltern und hielten sich stets im Verborgenen ihrer Bäume, abseits der wenigen Pfade, die sich wie ein Lindwurm durch den Wald schlängeln, oft verzweigen, um den ahnungslosen Wanderer dann doch in die Irre zu führen.

Diese List soll die vermeintlichen Feinde Thranduils tiefer in den Süden und fort von seinem Reich locken, denn nur das geschulte Elbenauge vermag die wenigen Pfade seines Volkes zu entdecken. Außerhalb der Grenzen Rhovanions ist das Heim der Waldelben dem Fremden nur als Düsterwald bekannt, allerdings haben die Elben ihren Wald so nie selbst bezeichnet und auch Valimaro hielt stets den wahren Namen in guter Erinnerung, auch in dem Moment, als er den vier Waldelben aufmerksam das letzte Stück des Weges zum verborgenen Hain der Waldfestung folgte.

Der Einfluss elbischer Magie war an dieser Stelle deutlich spürbar, als die fünf Elben zusammen mit Valkas die ersten Baumreihen vor sich passierten und sich der Nebel der Täuschung allmählich legte. Wie ein Schleier, der bei den Hochzeiten der Menschen das Antlitz der Frauen vor neugierigen Blicken verbarg, so schützte hier der Einfluss Thranduils und der ältesten Sindar die Waldfestung vor unerwünschten Besuchern und bösen Kräften von außen. Die Macht des Königs schirmte diesen Ort ab und umhüllte ihn mit dichten Baumreihen, die für den ungeübten Geist nichts weiter waren als endloses Bäume, die sich scheinbar unendlich aufreihten, schließlich verdichteten und miteinander in der Ferne verschwammen. Nur ein äußerst unnachgiebiger Narr hätte einen Fuß in Richtung dieser Baumketten gesetzt, die selbst für Valimaro vor so vielen Jahren den anfänglichen Eindruck gemacht hatten, als läge ein undurchdringbares Netz tausender Baumarten vor ihm, doch der Schein war trügerisch, das wusste Valimaro.

 

Als die Elben die ersten drei dichten Baumreihen hinter sich ließen, verschwanden die Bäume vor ihnen, die vor wenigen Augenblicken noch ein schier endloses Labyrinth vorausahnen ließen und gaben den Blick auf eine weite Flur zahlreicher, hoch gewachsener Büsche und Sträucher frei, die von der nun langsam untergehenden Sonne in goldgelbe Farben getaucht wurden.

Mit kurzen Lauten, die an das Zwitschern mancher Vögel erinnerten, machten die vier Waldelben, die Valimaro und Valkas nun zu beiden Seiten flankierten, auf sich aufmerksam und gaben den übrigen Waldelben, die ihrerseits die Laute kopierten und anschließend aus den Gräsern nun in das Sichtfeld Valimaros traten, zu verstehen, dass sie sich den Toren der Waldfestung mit einem Gast näherten, dem Geleitschutz zu gewähren war.

Bei dieser Szene dachte Valimaro an die merkwürdigen Eigenheiten seiner Verwandten, den Nandor aus den südlichen Teilen des Grünwaldes, die, so erzählen sich die Elben aus den nördlichen Teilen des Waldes, über keine eigene Sprache verfügen und nur bei Gefahr, Angst oder Freude in Form von Lauten und Geräuschen miteinander kommunizieren.

 

Doch dann erblickte Valimaro das, wonach er sich so viele Jahre gesehnt hatte, die Ausläufer der Waldfestung seiner Heimat – des Waldlandreiches.

Prächtig und hoch waren die grünbraunen Mauern, die mit etlichen Moos- und zahlreichen Kräuterarten das Holz überwucherten, das die Grundlage der Feste bildete, die bereits so viele Jahrhunderte überdauert hatte.

Als die Elben sich dem Tor der Waldfestung näherten wurden eilig Worte in Sindarin mit den Wachen auf den Zinnen der Mauern gewechselt und Valimaro hielt Valkas nun fester an den Zügeln, da der schwarze Hengst beim Anblick der hohen Mauern und vielen Stimmen etwas nervös auf ihn wirkte und lahmte. Mit gutem Zureden konnte Valimaro sein treues Ross allerdings schnell beruhigen und zum Weitergehen ermutigen. Im Vergleich zu den imposanten Mauern wirkte das Waldtor, trotz der vielen Jahre, die zwischen der abrupten Abreise und bevorstehenden Ankunft Valimaros lagen, immer noch sehr klein und zerbrechlich.
Es war gerade einmal groß genug, dass Valkas alleine und auch nur völlig unbepackt hindurch passte. Kurz nachdem die Elben und der Hengst das Waldtor passiert hatten, stellten sich ihnen zwei der Torwächter in den Weg und geboten ihnen mit einer fuchtelnden Handbewegung, stehen zu bleiben. Überrascht blickte Valimaro zwischen seinen Begleitern hin und her, diese grinsten nur und tauschten verstohlene Blicke miteinander aus.

 

Einer der Torwächter trat näher an Valimaro heran und sprach ihn direkt an: „Ich muss euch ab hier die Waffen abnehmen, ihr dürft das Waldlandreich nur unbewaffnet betreten. Gebt ihr mir euren Bogen und die Schwerter freiwillig?“ Nervös drehte sich Valimaro bei diesen Worten nach hinten um und musste mit ansehen, wie die Waldelben das Waldtor bereits verschlossen hatten und damit begannen, es von innen abzuriegeln. In diesem Augenblick erkannte der von Heimatgefühlen überwältige Elb, dass er den Waldelben in die Falle gegangen war, denn nun gab es keinen Weg mehr zurück und ein Freikämpfen kam diesmal nicht für ihn in Betracht, auch, weil Valimaro hier kein Blut von Elben vergießen wollte.

Valimaro zog eine Augenbraue hoch und gab dem Torwächter, ohne ihn dabei auch nur eines Blickes zu würdigen, eine Frage als Antwort zurück: „Habt ihr so viel Angst vor mir, dass ihr mich entwaffnen müsst?“ Der Torwächter spuckte bei diesen Worten auf den Boden aus und antwortete: „Wir fürchten euch nicht mein Herr, aber ich habe meine Befehle. Lasst euch die Waffen abnehmen und wir geleiten euch zu Maneth der Ausgestoßenen.“ Bei diesen Worten zuckte Valimaro für alle sichtbar kurz zusammen und musste sich beherrschen, nicht die Fassung zu verlieren. Die Worte des Torwächters trafen den Elben tief in seiner Seele, denn niemals hätte er dieses Schicksal seiner Mutter auferlegen wollen, seine Hände ballten sich zu Fäusten. Der Torwächter konnte dabei den Anflug eines Lächelns nicht unterdrücken. Ein kurzes Nicken folgte, danach übergab Valimaro sein Schwert und seinen Bogen an die Wachen, die ihn nun etwas nervös umringten.
Gerade als Valimaro seinen Hengst weiter in Richtung des Hauses seines Mutter führen wollte, schreckte er plötzlich auf, als er die Stimme eines alten Bekannten vernahm: „Und nehmt dem Verbannten auch seinen Dolch ab, den er unter seinem Handgelenk versteckt hält. Mit diesem hat er vorhin eine meiner Wachen bedroht.“ Die Stimme gehörte nicht Garadal, wie man hätte vermuten können, nein, diese Worte stammten von Baradan, einem Sindarin, den Valimaro in den Jahren vor seiner Verbannung aus dem Waldlandreich hier kennen gelernt hatte.

Wird fortgesetzt…

V.T. für A.W.
Kategorie: Persönlichkeiten & Unternehmen

von

Ich bin Valimaro Taurthir, ein Sindar aus dem großen Grünwald, wo meine Mutter Maneth lebt und mich aufzog. Seit mehreren Jahrhunderten bereise ich nun schon die zahlreichen Regionen Mittelerdes, um im Auftrag des Waldlandreiches die Geheimnisse der Bewohner außerhalb Rhovanions sowie deren Geschichten zu erforschen. Auf einer meiner ersten Besuche in Bruchtal brachten die Elben mir dort das Lesen und Schreiben bei und ich begann, meine Abenteuer, die ich alleine oder mit meinen einstigen Weggefährten in all den Jahren erlebte niederzuschreiben. Zum Auenländer Wochenblatt kam ich durch Idda Goldkerze, eine bemerkenswerte Schriftgelehrte, die ich in Bruchtal kennenlernte und die mir eine ganz andere Seite Mittelerdes zeigte, nämlich die liebe Gesellschaft der Hobbits vom Efeubusch. Seitdem kümmere ich mich gerne als Gastredakteur vom Auenländer Wochenblatt vor allem um Neuigkeiten und Kurzgeschichten meines Volkes in den verschiedenen Regionen Mittelerdes und berichte von meinen Erlebnissen vergangener Abenteuer.

2 Kommentare

  1. Beuno Willowtree sagt

    Sehr fesselnd zu Lesen! Und das soll wirklich alles so geschehen sein, hörte ich! *staun*

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