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Valimaro – die Geschichte eines Elben aus dem Großen Grünwald

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Teil 10

Das Erste, was Valimaro, der immer noch unter Schock stand, wahrnahm, war ein dumpfer Schlag von rechts, der ihn seitlich im Gesicht traf und seinen Oberkörper zur Seite warf.

„WAS HAST DU NUR GETAN?“ Brüllte ihn jemand seitlich an, während andere Elben ihm hastig den Dolch aus der Hand entrissen, doch Cunivieths Freund wehrte sich nicht dagegen.
Valimaro schwieg und starrte ins Leere, alles um ihn herum war bedeutungslos geworden.
Ausdruckslosigkeit war seinem Blick zu entnehmen, so, als wenn er sich selbst in seinen Gedanken verloren hätte und nicht wüsste, was um ihn herum geschah oder ob es einen Ausweg gab.

Ein weiterer Schlag erwischte ihn von hinten und die Wucht warf den geistesabwesenden Elben abrupt zu Boden, unmittelbar neben die Tote.
Valimaro pustete neben dem leblosen Körper Cunivieths den Staub aus und streckte unbewusst eine Hand nach ihr aus.
Tränen sammelten sich erneut in seinen Augen.
Noch ehe der Elb seine einstige Freundin berühren konnte, war Faelon bereits zur Stelle und trat ihm mit einem Fuß auf sein Handgelenk, sodass die Hand schmerzhaft auf den Boden gepresst wurde.
„Das reicht jetzt!!“ Fauchte Garadal wütend zu den Elben, die Valimaro von hinten umgestoßen hatten.
Diese blickten finster auf den Leichnam der Elbin, dann zu Faelon.
Garadal ergriff erneut das Wort:
„Vergesst nicht, wer ihr seid und dass Valimaro einer von uns ist.“ 

Dann wandte sich der Fürst der Grünwaldgarde direkt an Faelon Schwarzdorn, dem Wortführer dieser Elbenwächter:
„Wir wissen nicht, was hier geschehen ist und Valimaro steht offensichtlich unter Schockstarre, also werde ich es nicht dulden, dass eure Männer ihn des Mordes für schuldig befinden, noch ehe wir dieses Unrecht hier aufgeklärt haben.“ 
Faelon spuckte vor die Füße von Garadal aus.
„Das sagt ihr nur, weil ihr ihn schützen wollt, Garadal. Ihr seid befangen, schließlich wissen wir alle hier, dass dieser Elb euer Ziehsohn ist und ihr alles mögliche unternehmt, um Schaden von ihm abzuwenden.“
„Ihr vergesst, mit wem ihr sprecht, Faelon Schwarzdorn, Faeldirs Sohn.“ 

Eine kurze Pause unterbrach diese Szenerie.
Dann erwiderte Faeldirs Sohn die Worte seines Anführers folgendermaßen:
„Und ihr habt vergessen, dass hier ein Leichnam einer Elbin liegt, die durch einen Dolchstich gemeuchelt wurde. Den Dolch hielt Valimaro in seinen eigenen Händen, als er sich über sie beugte.“ 

Bei diesen Worten hielt Faelon den blutverschmierten Dolch empor, sodass ihn jeder auf der kleinen Lichtung sehen konnte.
Als er jedem der Anwesenden die Bedeutung seiner Aussage bildhaft vor Augen geführt hatte, hielt er den Dolch mit dem Griff nach vorne in Richtung Garadal und sprach zu diesem:
„Mehr brauche ich nicht zu wissen, Garadal, um mein Urteil zu fällen. Und ihr solltet nun endlich den Befehl erteilen, diesen Elben in Ketten legen zu lassen, ansonsten werde ich an eurem Urteilsvermögen zweifeln und könnte mir vorstellen, dass mein Vater sich für euer Verhalten sehr interessieren wird.“

Der Fürst der Grünwaldgarde wirkte sichtlich angewidert von dieser Belehrung.
„Da kann man nur beruhigt sein, dass weder ihr noch euer Vater hier Recht sprechen, Faelon Schwarzdorn.“
Die letzten Worte sprach Garadal sehr ernst und blickte dem hochgewachsenen Faelon dabei fest in die Augen.

Dann trat Baradan, Valimaros Schildbruder, seitlich an Garadal heran und versuchte die Situation zwischen den Elben etwas zu entschärfen:
„Valimaro muss nicht vorgeführt werden wie ein Feind, er wird sich uns freiwillig anschließen, ich kenne ihn sehr gut. Er ist einer von uns. Er ist…“
Mit einem lauten Lachen unterbrach Faelon diese Worte und seine Männer stimmten in das Gelächter mit ein.

Garadal und Baradan tauschten verärgerte Blicke aus, schließlich sprach Faeldirs Sohn:
„Du, Baradan? Du willst mich wohl zum Narren halten? Du würdest deinem Schildbruder nie Schaden zuführen wollen und somit bist auch du befangen in dieser Angelegenheit.
Vielleicht habt ihr zwei diesen Mord ja auch sorgfältig geplant, schließlich seid ihr stets zusammen in diesen Randgebieten des Schattenhains umhergestreift.
Schon verdächtig, findet ihr nicht Männer?“ 

Faelon drehte sich in spöttischer Manier zu seinen Männern herum, die ihm still zunickten.

Während die drei Elben hitzig weiter miteinander diskutierten, machten sich die übrigen Elbenwächter, die vor allem am Rand der eigentlichen Szenerie standen, daran, das Feuer zu bändigen, damit es nicht vom freistehenden Haus auf die Sträucher und Gräser oder gar auf den Schattenhain übersprang.
Dazu benutzten sie allerdings kein Wasser, sondern sie beträufelten mit einer schwarzen Flüssigkeit viele Decken, die sie zu diesem Feuer mitgeschleppt hatten.
Fast in routinierter Art und Weise reihten sich gut 20 Elben um die Reste des Hauses und erdrückten das Feuer mit ihren dunklen Decken, die, vermutlich wegen der seltsamen Flüssigkeit, kein Feuer fingen und die Flammen schnell erstickten.
Rauch stieg weit empor.
Nach wenigen Augenblicken war das Feuer unter Kontrolle und die Elben begannen, die größeren Brandherde zu ersticken, dabei gingen sie sehr behutsam und sorgfältig vor, sodass auch die Glut und aufleuchtende Ascheüberreste schnell ausgetreten oder erstickt wurden.
Schließlich war der Brand gelöscht und das Haus eine verkohlte Ruine, fast vollständig zerstört.

Nun standen die Elben im Dunkeln, denn es war bereits tiefe Nacht geworden.
„Wenn ihr so abfällig über meinen Schildbruder sprecht, Faelon, so sollte wohl auch erwähnt werden, dass ihr schon lange ein Problem mit Valimarohabt und dies hier nur ein guter Anlass ist, um mit ihm abzurechnen.“ 
Bei seinen Worten schritt Baradan wenige Meter auf Faelon zu und gab sich kämpferisch, obwohl er innerlich Angst vor den Schwarzdorns hatte, denn die wohlhabende Elbenfamilie war hoch angesehen und hatte viel Macht und Einfluss am Hof und im gesamten Waldland-reich.
Faelon Schwarzdorn ließ sich vom Gehabe des Elben nicht einschüchtern, selbstbewusst schritt er Baradan entgegen und packte ihn an der Brust, erst da viel dem Wächter auf, wie groß Faeldirs Sohn im Vergleich zu ihm war.
„Was glaubst du eigentlich, mit wem du hier sprichst, Baradan?
Soll ich meinem Vater mal einen Tipp geben, wo ihr zwei so lang lauft, zum Beispiel, dass ihr in unseren Waldstücken wildert und euch köstlich über mich und meine Familie amüsiert, wenn ihr nachts bei Kerzenschein und Wein mit euren Geschichten vor allen Wächtern prahlt.“ 

Die beiden Elben blickten sich tief in die Augen und Faelon hatte sein Gegenüber leicht angehoben, um ihn seine Überlegenheit zu demonstrieren.
Hinter der Fassade Baradans erkannte selbst Faeldirs Sohn, dass der Wächter Angst vor ihm und seinen Worten hatte.

Faelon lächelte zufrieden und ließ ab von Baradan.
„Was ist nun mit euch, Garadal? Valimaro liegt hier kauernd und winselnd auf dem Boden.“ 
Faelon zeigte mit ausgestreckten Arm auf den am Boden liegenden Elben, der sich kaum rührte und völlig abwesend wirkte.
Er hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen.
Der Sohn Faeldirs ergriff erneut das Wort:
„Für mich ist das ganz klar ein schweres Vergehen und als einen Mörder oder zumindest einen des Mordes Verdächtigen sollten wir Valimaro auch behandeln!
Ihr müsst euch jetzt entscheiden, mein Herr, es ist eure Pflicht als Fürst der Garde das Waldlandreich zu beschützen und Unrecht aufzuklären, doch werden ich und meine Getreuen stark an eurer Loyalität und Urteilsfähigkeit zweifeln, wenn ihr diesen Elben dort einfach davon kommen lasst. Dann werde ich meinen Vater bitten müssen, diesen Vorfall genau zu untersuchen und dafür sorgen, dass ihr eures Amtes enthoben werdet. Das muss euch klar sein.“

Zufrieden schloss Faelon seinen Mund und stapfte in Richtung seiner Männer, um die Reaktion Garadals abzuwarten.
Dieser seufzte und schloss für einen kurzen Moment die Augen, dann sprach er:
„Faelon hat Recht, keiner weiß, was hier geschah und Valimaro braucht Ruhe, um zu sich zu kommen, deshalb werden wir ihn in das Waldlandreich geleiten und ihm die Zeit geben, sich zu sammeln.
Bis seine Schuld nicht bewiesen ist, wird er nicht wie ein gewöhnlicher Gefangener behandelt, sondern mit Anstand und Respekt.“ 

Valimaros Geist verlor sich derweil in vielen Fragen und Gedanken, so dachte er beispielsweise an die vielen schönen und traurigen Momente, die er mit Cunivieth im Leben geteilt hatte, an ihre erste Begegnung, an die Fragen, die sie ihm dann beantwortet hatte und an das Versprechen, das er ihr einst vor langer Zeit gegeben hatte und nicht einhalten konnte.
Die Worte Cunivieths verdrängten allmählich diese Erinnerungen und Valimaros Geist kehrte zurück in das Hier und Jetzt, er hörte die Stimmen Baradans, Garadals und auch Faelons.

Der Elb richtete sich langsam und schwerfällig auf, denn er hatte starke Schmerzen, vor allem im Gesicht, wo ihn der Schlag von Faelon getroffen hatte.
Die übrigen Elben drehten sich zum Wächter um, unwissend, was sie nun machen sollten.
Auch die drei wortführenden Elben blickten zu Valimaro, als dieser wieder aufrecht stand und das Wort ergriff:
„Die Steine, wir müssen die Steine sicherstellen, das waren ihre Worte.“

Die Elben blickten sich verwundert an, unwissend, wovon Valimaro da sprach.
„Was redest du da Vali?“ 
Baradan ging ein paar Schritte auf seinen Schildbruder zu, um ihn notfalls zu stützen, weil er sich unsicher war, ob Valimaro eventuell eine Kopfverletzung davon getragen hatte.
„Die Elbin hier, ihr Name ist Cunivieth, wir müssen ihre Steine finden.“ 

Unwillkürlich griff Valimaro in eine seiner inneren Umhangtaschen und fühlte einen der Sternensteine, die Cunivieth ihm offenbar noch hineingelegt hatte, bevor sie in seinen Armen verschieden war.
Der Wächter zog den hellen, rosa-schimmernden Sternenstein heraus und hielt ihn vor sich in die Luft.

Alle Waldelben auf der kleinen Lichtung vor dem Haus traten ein wenige näher zum Wächter, um das wunderschöne Sternenlicht zu betrachten, das vom Stein ausstrahlte und die Umgebung hell erleuchtete.
Das Licht warf auch einen Schein auf das Gesicht Faelons, der seine Miene zu einer bösartigen Maske verkrampfte und Valimaro finster anstarrte.
Dann senkte Faeldirs Sohn den Kopf zu Boden und sprach:
„Fürst Garadal, passt dieser Stein, den Valimaro dort in seinen Händen hält und gerade aus seinem Umhang hervorzog, nicht haargenau zu der Beschreibung unseres Prinzen, der genau solch einen Stein vermisst und uns zur Sache ausschickte, weil er ihm gestohlen wurde?“ 

Garadal schloss die Augen und nickte leicht.
„Und ist es nicht auch richtig, dass wir genau deshalb in den Schattenhain geschickt worden sind, um eine Elbin namens Cunivieth zu beschützen, die hier leben soll. Cunivieth die Sehende, wenn ich unseren Prinzen richtig verstanden habe.“
„Auch das trifft zu, Faelon.“ 
Diese Worte sprach Garadal langsam und mit Bedacht und die Unglaubwürdigkeit des Fürsten war in seinem Ausspruch deutlich erkennbar.

Valimaro erkannte, was Faelon beabsichtigte, doch es war zu spät, um jetzt noch Argumente gegen die Situation anzuführen, denn sie würden von den meisten Elben auf der Lichtung als billige Ausrede abgetan werden und so versuchte Valimaro erst gar nicht, gegen diese Feststellung oder den falschen Eindruck, der sich daraus zwangsläufig ergeben musste, anzukämpfen.

Faelon Schwarzdorn sah nun seine Stunde gekommen und bedeutete seinen Männern, Valimaro in Gewahrsam zu nehmen.
Zwei der Elben entwaffneten den Wächter und fesselten seine Hände schnell auf dem Rücken, eher sie ihn in Richtung Waldlandreich abführten.

Valimaro blickte sich nach Cunivieth um und war fassungslos, weshalb niemand der anwesenden Elben sich um sie zu kümmern versuchte.
„Baradan, versprich mir, dass der Körper dieser Elbin sicher im Schattenhain ruht, kümmere dich darum, das war ein Wunsch von ihr.“
Valimaros Schildbruder nickte bei diesen Worten, obwohl er sich unsicher war, was jetzt überhaupt geschehen sollte.

V.T. für A.W.
Kategorie: Persönlichkeiten & Unternehmen

von

Ich bin Valimaro Taurthir, ein Sindar aus dem großen Grünwald, wo meine Mutter Maneth lebt und mich aufzog. Seit mehreren Jahrhunderten bereise ich nun schon die zahlreichen Regionen Mittelerdes, um im Auftrag des Waldlandreiches die Geheimnisse der Bewohner außerhalb Rhovanions sowie deren Geschichten zu erforschen. Auf einer meiner ersten Besuche in Bruchtal brachten die Elben mir dort das Lesen und Schreiben bei und ich begann, meine Abenteuer, die ich alleine oder mit meinen einstigen Weggefährten in all den Jahren erlebte niederzuschreiben. Zum Auenländer Wochenblatt kam ich durch Idda Goldkerze, eine bemerkenswerte Schriftgelehrte, die ich in Bruchtal kennenlernte und die mir eine ganz andere Seite Mittelerdes zeigte, nämlich die liebe Gesellschaft der Hobbits vom Efeubusch. Seitdem kümmere ich mich gerne als Gastredakteur vom Auenländer Wochenblatt vor allem um Neuigkeiten und Kurzgeschichten meines Volkes in den verschiedenen Regionen Mittelerdes und berichte von meinen Erlebnissen vergangener Abenteuer.

2 Kommentare

  1. Mairad Flinkfuß sagt

    Sehr fein geschrieben wie immer *schneidet den Artikel aus und legt ihn zu den anderen*

  2. Beuno Willowtree sagt

    Grossartig! Kaum zu glauben, dass das alles so passiert sein soll..und wenns ausgedacht ist, muss ich dich für deinen Einfallsreichtum loben, lieber Vali! ;) Bravo!

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