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Ein Leserbrief – Marodierende Magd in Bree

Folgender Leserbrief erreichte das Auenländer Wochenblatt nach Veröffentlichung des letztwöchigen Artikels um die Gerüchte zu einer in Ausbildung befindlichen Hufschmiedin, die wohlmöglich beim Diebstahl beobachtet wurde.

 

Guten Tag!

Mein Name ist Gerte Gurkensauer, anständige Bürgerin von Bree, gelernte Salzgurkeneinlegerin und Witwe des ehrenwerten Otti Gurkensauer.

Anlässlich des letzten, schockierenden Vorfalls in Bree-Stadt – wobei eine Hufschmiedgesellin, meinen aus sicherer Quelle stammenden Informationen nach – ganz offensichtlich und felsenfest des Diebstahls und der schweren Körperverletzung überführt wurde, begann ich mir Gedanken über unser schönes Bree zu machen. Was treibt solche Fremde, die in unsere Stadt kommen und mit offenen Armen empfangen werden dazu, solche Gräueltaten zu begehen? Was sind ihre Motive? Wie ergeht es den Opfern? Und wann wird endlich jemand etwas dagegen unternehmen?

Ich zögerte nicht länger und schrieb Euch meine Erkenntnisse über diesen Vorfall welche Ihr dankenswerter Weise in der darauffolgenden Ausgabe veröffentlicht und damit einen großen Beitrag zur Wahrheitsfindung beitrugt. Jedoch blieben viele meiner Fragen über diesen Skandal unbeantwortet und ich begann der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Aus Dank für Eure Unterstützung möchte ich Euch diese bescheidenen Zeilen zukommen lassen welche von meinem Unternehmen, dessen Erkenntnisse und seinen wagemutigen Taten erzählen.

 

Mein erstes Ziel, war recht und richtig die Familie des geschädigten Hufschmiedmeisters, dessen Name zum Schutz der Angehörigen unter dem Mantel der Verschwiegenheit fallen soll. Zu diesem Zeitpunkt malte ich mir es noch nicht im Geringsten aus welch gewaltigen Ausmaße dieser Fall annehmen würde und ich erst ganz am Anfang meiner Reise stand. Ich klopfte an die besagte Türe, welche kraftvoll aufgeschlagen wurde und eine nicht weniger kraftvolle – wenngleich raue Stimme –  fragte mich, was ich denn gefälligst hier zu suchen hätte. Doch ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen. Wusste ich doch dass ich mit einem stark belasteten Opfer dieses Skandals zu tun hatte und erklärte ihm schnell meine Absichten, Gerechtigkeit in die Sache zu bringen. Wie erwartet wurde ich darauf freundlich in das Haus gebeten.

Ich lehnte höflich eine Pfeife und ein Glas Schnaps ab. Mir fiel sofort die imposante Statur dieses ehrenwerten Bürgers auf. Sein stolzer Wohlstandsbauch, welcher wohl das beste Sinnbild einer blühenden Stadt ist, lugte verwegen aus seinem kostenorientierten Samthemd. Sein Haaransatz der sich tapfer dem Feind der Kahlheit entgegenstellt aber einen geordneten Rückzug gen des Nackens nicht verhindern kann  wurde von  seinen fülligen Fingern, welche wie sein ganzes Äußeres außerordentlich sauber erschienen, zart glatt gestrichen. Wenn man mal vom Schweiß und Schnapsgeruch, die ganz gewiss dem Stress und dem Unglück zuzuschreiben sind, welche diesem armen Mann widerfahren waren, absieht. Ganz im Gegenteil zu seinen Mägden und Knechten, welche er mit der wohlbekannten kraftvollen Stimme zusammen trommelte und die einen eher mageren und schmutzigen Eindruck machten, als sie sich stumm und gebeugt aufreihten, wie um die milde Autorität ihres Herren zu demonstrieren. 

Aber ich ließ mich nicht weiter ablenken und lauschte schockiert den Aussagen des Meisters.

Wir haben sie behandelt wie unser eigenes Kind und so hat sie es uns gedankt! Hinterlistiges Riddermarkgesindel, ich hab‘s immer gesagt DIE wird einmal Ärger machen!“

Auf meine Frage, was den genau gestohlen wurde, bäumten sich sein Bauch und seine Stimme in ihrer ganzen Mächtigkeit, um das Töchterlein liebevoll herbeizuschreien. Mir brach es fast das Herz, dieses arme Geschöpf mit einer derartigen Entstellung im Gesicht zu sehen. Unverkennbar, ihr wurde ein blaues Auge geschlagen! Fast zärtlich stieß der Vater die junge Frau, welche sich trotz ihres lieblichen, von ihrem Vater vererbten Äußeren, noch unverheiratet nennen muss, vor meinen Sitzplatz und wies sie an, mir alles im Detail zu schildern.

 

Bedauerlicherweise, war die junge Maid von ihrem Schicksal so getroffen worden, dass sie anfangs davon sprach, dass „Die Riddermärkerin ihr diesen schönen Kamm nicht geben wollte, obwohl jene für ihren Vater arbeitet und ihr es also zusteht die Sachen des Gesindes haben zu dürfen wenn sie das will und sie würde immer bekommen was sie wolle, auch wenn sie der Magd in den Arm beißen und kratzen müsse.“

Ein weit ausgeholter zärtlicher Nackenschlag ihres Vaters befreite dann aber schnell das arme Mädchen, von den Lügen welche ihr wohl die gewitzte Diebin eingeredet hatte, ganz sicher mit der Drohung es würde ihr schlecht bekommen jemanden die Wahrheit zu sagen. Danach folgte unter dicken heißen Tränen eine lange Liste an wertvollen Schmuck, Erbstücken, Gold, einem reinrassigen preisgekrönten Zuchthengst und das Hochzeitskleid der verstorbenen Mutter, mit welche der Langfinger sich aus dem Staub gemacht hatte. Die Wahrhaftigkeit dieser Aussage wurde mir von einem jungen Lehrling bestätigt, auch er benötigte die milde Motivation seines Meisters um sich an das Geschehene zu erinnern. Diebstahl, Gewalt, Manipulation von Opfern. Ich saß bleich vor Entsetzen auf meinem Stuhl, die Tränen der Opfer flossen in Strömen und die Belegschaft schwieg betroffen. So viel Leid und Schmerz hatte diese Person diesen armen, anständigen Menschen angetan! Mich ergriff Fassungslosigkeit.

Es musste etwas passieren, jetzt!

So sah es auch der Meister und wir machten uns zusammen ins wohlbekannte und berühmte Gasthaus ‚Zum Hinkenden Esel‘* in Bree auf, wo die besagte Person, des Öfteren mit ebenso zwielichtigen Gestalten gesehen wurde. Leider wurden wir nicht weiter fündig und mussten uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir es mit einer Berufsverbrecherin zu tun hatten, welche wohl nicht nur Dinge, sondern auch sich selbst mühelos verschwinden lassen konnte. Der gute Wirt der Lokalität, konnte uns zwar nichts weiter über diese Person berichten, beteuerte aber nachdem wir ihn nach seltsamen Begebenheiten fragten, dass ihm ein großer Schinken aus der Küche abhanden gekommen sei. Der Meister und ich sahen uns an und wussten, dies war die Spur nach der wir gesucht hatten. Nach einer kurzen Inspektion der Küche, führten uns kleine fettige Fingerabdrücke, zum Küchenfenster hinter das Gasthaus. Wir ließen den achselzuckenden Besitzer hinter uns und erforschten die Umgebung. Sobald erspähten wir zwei kleine unförmige Gestalten und pirschten uns an einen weiteren Ort des Verbrechens. 

Wir überwältigten die zwei Schatten geschwind, mussten aber feststellen dass es sich nur um die zwei minderjährigen Lauskinder Niki und Samy Wycorn handelten, welche auf den ersten Blick, ihre Mäuler voller Schwartenfett, die Hauswand des Wirtshauses mit obszönen Bildchen besudelt und wieder mal „Böse Halunken“ gespielt hatten.  Aber nachdem wir ihnen angedrohten, sie sofort nach Hause zu bringen damit sie dort ihre Tracht Prügel erwarten können, bevor die Marodierende Magd erscheint und sie verschwinden lässt, fassten sie endlich Mut. Sie beteuerten unter frommen Tränen, jene wäre Ihnen schon begegnet und sie hätte ihnen, mit rotglühenden Augen befohlen das alles zu tun, sonst würde sie, sie mit nach Mordor nehmen und sie wären nie wieder gesehen.

Mir blieb das Herz bei dieser infamen Frechheit stehen. Kinder zu bedrohen und sie zu verderben, ich ballte die Faust zum Himmel! Der Marodierenden Magd musste das Handwerk gelegt werden. Unsere kleine Gruppe, die nun aus dem Meister, den zwei Kindern und mir bestand, machte sich auf die Suche nach weiteren Opfern, denn wir wussten hierbei kann es nicht geendet haben. Und wenn Ihr bis hierher mitgelesen habt, werter Freund – seid ihr sehr tapfer und ein wahrer Sucher der Wahrheit – wisst ihr bestimmt wie es mir um mein armes Witwenherz gestanden ist, als wir mit jedem Schritt den wir taten weiter fündig wurden und das ganze Ausmaß der sozialen, moralischen und materiellen Verwüstung uns offenbart wurde:

• Wir fanden den wohlbekannten und ehrenwerten „Tavernenexperten“ Junkl, der, wie er beteuert in der letzten Nacht völlig nüchtern von einer gewaltigen schwarzen Gestalt in eine dunkle Grube aus Erde geschubst wurde und stundenlang dort seine Angst ausschlafen musste!

• Genau in dieser Nacht, brach jemand grölend und rülpsend in das Blumenbeet eines armen Mütterchens ein und verwüstete die zarte Flur stampfend und wälzend!

• Einer uns allen liebgewonnenen Tierfreundin fehlte eine ihrer Lieblingskatzen, vermutlich gegessen!

• Einem guten Bauern, verwelkte der Kohl als jene Person irre kichernd bei Vollmondnacht um sein Feld getanzt ist.

• Dem armen Knecht Alrik versagte die Manneskraft als, sie ihn mit ihrem giftigen Blick anstarrte!

• Einem Bäckerlehrling verbannten die Brötchen!

• Der Geldwechsler verrechnete sich nach einem Besuch von ihr ständig, vermutlich verfluchte sie ihn!

 

Ein Abgrund nach dem nächsten Tat sich uns auf und unsere Gruppe wuchs wie unser gerechter Zorn. Wir alle wussten wir mussten sie finden, auch wenn mit jedem weiteren Schritt sich auch Angst und Zweifel in unsere edle Gemeinschaft schlichen, denn mit jeder Zeugenaussage wurde die Marodierende Magd immer größer, dunkler, blutiger und war bis auf die Zähne bewaffnet! Manch einer beäugte unsere kleine Ansammlung skeptisch und wir begriffen wir mussten es geschickt angehen, die reguläre Justiz würde viel zu langsam mahlen und nur Zeit mit Fragen verschwenden, wir jedoch wollten Gerechtigkeit und zwar sofort! Ich muss zugeben uns versagte fast der Mut als wir die Übeltäterin endlich ein Stücken außerhalb von Bree stellten und waren schon sehr verwundert, in welch’ unschuldiger Gestalt sie uns zu erscheinen beliebte. Jedoch bevor sie uns mit ihren zu Tode erschrockenen Augen blenden oder mit ihrer im Halse feststeckenden Schlangenzunge verführen konnte, gaben wir uns alle einen Ruck, packten sie und trugen sie gemeinsam mit schallenden Gebrüll zum Wasser. Ihr Gejammere und ihre Tränen nahmen wir sofort als Geständnis auf. Die Kinder warfen ihrem hilflosen Gestrampelt noch ein paar Steine entgegen und wir gaben uns alle lachend und schulterklopfend die Hände. Die Sonne neigte sich glühend dem Horizont als wir alle gemeinsam den Heimweg mit Genugtuung antraten. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt und uns war allen wohlig warm ums Herz. Dies ist ein gutes Land!

 

Hochachtungsvoll,
Gerte Gurkensauer

 

*Name wurde zum Schutz der Opfer geändert.
  1. Beuno Willowtree

    Wie? Was? Wurde die Magd etwa ersäuft?! *schock*

  2. Adalwulf der Braune

    Meines Wissens nach hat sich die betreffende Fremdländerin ihrer vom gerechten Volkszorn verhängten, durchaus angemessenen Strafe durch ungeschicktes, wenn auch betrüblicherweise erfolgsgekröntes Schwimmen entzogen. Nicht daß ich dabeigewesen wäre. Es ist betrüblich, daß die Untätigkeit der Stadtväter, etwas gegen die Unterwanderung unserer Gesellschaft durch kriminelle fremdländische Elemente zu unternehmen, die brave und fleißige Bevölkerung immer wieder zwingt, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen!

  3. Ohwei! Sind die denn in Bree alle bekloppt? Die arme Magd wurde vom Mob verfolgt und misshandelt und das wird von der Verfasserin dieses Machwerks als Gerechtigkeit dargestellt.

    Aber warum werden solche Zeugnisse von Dummheit und Gewattätigkeit, gepaart mit Vorurteilen, im Auenländer Wochenblatt unkommentiert abgedruckt. Recherchieren die Redakteure nicht mehr, bevor sie gewaltverherrlichende Schriften drucken? Und wurde die Stadtwache auf die hier eingestandenen Verbrechen aufmerksam gemacht? Diese Gerte Gurkensauer ist die wahre Verbrecherin.

    Wir Flauschfüßchen waren auch schon Opfer vom pöbelnden Mob geworden, weil wir anders sind. Darum fühle ich mit der armen Maid. Was da passiert regt mich sehr auf. Wir Hobbits sollten der Maid im Auenland Asyl gewähren.

    Liebe Maid! Wenn du dis liest, bei uns Flauschis bist du wilkommen, wenn du einen sicheren Unterschlupf brauchst. Wir wohnen in der Ered Luin – Siedlung, Anfurtweg 8, Celeth Waerin. Wir haben immer ein warmes Essen auf dem Feuer.

    • Beuno Willowtree

      Die Recherche ist Sache von Frau Himbeerstrauch, Fara. Wir Reporter sollen auch immer neutral bleiben und dürfen nicht zu heftig kommentieren. Da seid ihr als Leser aufgerufen.
      Aber toll, dass Du so mitfühlend bist und der Magd Asyl anbietest, liebe Fara! 🙂

      • Wir Flauschis waren nicht immer so wohlhabend wie jetzt. Und wir wissen, wie sich Ungerechtigkeit anfühlt. Außerdem haben wir ein Herz für arme und geschundene Leute. Meine Mamas und alle anderen Flauschis stehen da voll hinter mir.

  4. Tulpeline

    Hui da ist ja wieder was los in Bree. Na gut das ich nicht so oft in Bree bin.

    Aber danke für den langen Artikel.

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